| |
Entdeckung von Radon
Bereits im 16. Jahrhundert wurde seine gesundheitsschädigende Wirkung - obwohl
selbst als chemisches Element noch unbekannt - bemerkt: In Schneeberg im Erzgebirge beobachtete Georg AGRICOLA
eine ungewöhnlich hohe Anzahl schwerer, meist tödlich verlaufender Lungenerkrankungen unter Bergarbeitern
("Schneeberger Bergkrankheit"). Gleiches wurde im frühen 17. Jahrhundert bei Minenarbeitern in Joachimsthal in Böhmen
festgestellt. In beiden Bergbaurevieren wurden zunächst Bleiglanz, Kupfer und Silber und im 20. Jahrhundert
Pechblende zur Radium- und Urangewinnung abgebaut. Die Schneeberger Bergkrankheit wurde lange Zeit sehr
unterschiedlich diagnostiziert, ehe die zwei deutschen Ärzte HARTUNG und HESSE sie Ende des 19. Jahrhunderts
als Lungenkrebs erkannten. Seine Ursache blieb jedoch weiterhin unklar, bis man in den ersten Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts die hohen Alpha-Strahlendosen durch inhaliertes Radon und seine Folgeprodukte zweifelsfrei
als Auslöser dafür erkannte.
Gerhard SCHMIDT und Marie CURIE entdeckten 1898 unabhängig voneinander die Radioaktivität des Thoriums.
Zusammen mit ihrem Ehemann Pierre isolierte Marie CURIE im gleichen Jahr weitere unbekannte radioaktive
Substanzen, denen sie die Namen Polonium und Radium gab. Sie verwendeten zum ersten Mal den Begriff "Radioaktivität"
und beschrieben damit den spontanen Vorgang der Emission durchdringender und ionisierender Strahlen. 1899
entdeckten Pierre und Marie CURIE, dass inaktive Substanzen in der Umgebung radioaktiver Elemente
ebenfalls radioaktive Eigenschaften aufweisen, die nach deren Entfernung mit einem zeitlich asymptotischen
Verlauf allmählich zurückgehen. Sie verwendeten dafür den Begriff "induzierte Radioaktivität". Im selben
Jahr stellte Ernest RUTHERFORD bei der Untersuchung von Thoriummineralen ebenfalls induzierte Radioaktivität
an benachbarten Körpern fest. Wie man heute weiß, stammt sie vom gasförmigen Rn-220 (Thoron). Er bezeichnete
diese Strahlungsquelle als "Emanation". Dieser Begriff wurde auch in den deutschen Sprachgebrauch übernommen.
Die Erkenntnis, dass die induzierte Radioaktivität mit der Zeit gemäß einer e-Funktion abnimmt, formulierte
er zusammen mit Frederick SODDY im radioaktiven Zerfallsgesetz. In weiteren Untersuchungen erkannten
RUTHERFORD und SODDY, dass es sich bei der Emanation um ein Edelgas handelt, das nicht von Thorium selbst,
sondern von einem seiner Tochterelemente freigesetzt wird. Die unterschiedlichen chemischen Eigenschaften
der radioaktiven Substanzen ließen sie 1902 zu dem Schluss kommen, dass beim radioaktiven Zerfall eine
Elementumwandlung stattfindet. Friedrich Ernst DORN entdeckte 1900, dass Radium eine ähnliche, jedoch
qualitativ unterschiedliche Emanation wie Thorium liefert, die aber im Vergleich zu dieser wesentlich
langlebiger ist. Es handelt sich hierbei um das gasförmige Rn-222 (Radon). 1904 entdeckten André
DEBIERNE und Friedrich GIESEL unabhängig voneinander die gasförmige Emanation Rn-219 (Actinon).
In der Frühzeit der Geschichte der Radioaktivitätsforschung war die Benennung der Emanationen und
ihrer Folgeprodukte uneinheitlich. Nachdem zuerst verschiedene Trivialnamen verwendet wurden, einigte man
sich schließlich für die gasförmigen Elemente der natürlichen Zerfallsreihen auf die Namen Radon, Thoron
und Actinon mit den Symbolen Rn-222, Rn-220 und Rn-219. Für die verschiedenen Folgeprodukte wurden zuerst
Bezeichnungen wie Radium A, Radium B, Thorium A usw. verwendet. Seit Klärung des Elementcharakters der
unterschiedlichen Stoffe werden sie mit ihrem jeweiligen Elementnamen und der entsprechenden Massenzahl
bezeichnet, also Po-218, Pb-214, Po-216 usw..
Bereits in den ersten Jahren nach der Entdeckung der Radioaktivität wurden eine Vielzahl von
Untersuchungen über die Konzentrationen von Radon in der Atmosphäre, in der Bodenluft und im Wasser
sowie über die Gehalte radioaktiver Stoffe in Böden und Gesteinen durchgeführt.
Ausführlich beschäftigten sich Julius ELSTER und Hans GEITEL in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts mit
der Erforschung der elektrischen Leitfähigkeit der Atmosphärenluft. Sie vermuteten, dass radioaktive
Substanzen in der Luft die Quelle freier Ionen seien, die für die Leitfähigkeit verantwortlich sind.
Durch die Entdeckungen RUTHERFORDs angeregt, stellten sie eigene Versuche an und wiesen schließlich die
Existenz von Radon in der Atmosphärenluft nach. Weitere
Untersuchungen über die Herkunft des Radon ergaben, dass Böden und Gesteine die direkte Quelle des Gases
darstellen.
In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde daraufhin Radon in der Bodenluft vielerorts
in lokalen Untersuchungen nachgewiesen.
Die zeitgleiche, gezielte Suche nach Radon in Wässern führte zum Nachweis des Gases in Leitungs-
und Brunnenwasser. Mineral- und Thermalwässer in Europa wurden daraufhin systematisch auf ihre Radon- und Radiumgehalte hin untersucht, um sie balneologisch nutzen
zu können.In einigen Fällen wie in Brohl am Rhein, Bad Nauheim und Bad Brambach waren radonreiche
Quellen auch sehr kohlensäurehaltig. Hier fungiert Kohlendioxid als Trägermedium für Radon.
Die Verwendung von Radon zu Heilzwecken ist ein kontrovers behandeltes Thema. Radonheilbäder - die
Behandlungsräume befinden sich meist in Gebirgsstollen oder aufgelassenen Uranminen - existieren
beispielsweise in den USA, in Russland, in der Tschechischen Republik (Jachymow), Japan, Polen,
Österreich (Bad Gastein), Italien (Meran, Ischia) und Deutschland (Bad Kreuznach, Bad Steben).
Durch Radonkuren in Form von Bade- und Trinkanwendungen sowie Inhalationen soll der Stoffwechsel
kurzfristig angeregt werden. Der gesundheitsfördernde Effekt derartiger balneologischer Behandlungen
ist unter Ärzten jedoch sehr umstritten. Ein Hormesiseffekt - wonach jeder Wirkstoff, der in höheren
Konzentrationen für den Organismus schädlich ist, in niedrigen Konzentrationen eine günstige,
nützliche Reizwirkung ausübt - wird von den meisten Medizinern verneint, da eine biopositive
Wirkung auf den Organismus nicht nachgewiesen werden kann. Risikoabschätzungen
über die Radonbelastung in Radonheilbädern kommen zu dem Schluss, dass Patienten bei Trink- und
Inhalationskuren einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt sind, die unter gesundheitlichen
Aspekten den Sinn solcher Kuren in Frage stellen. Zudem können vor allem
Behandlungspersonal und die Bevölkerung in der Umgebung von Radonbädern einer
erhöhten Strahlenbelastung unterliegen.
|
|