Epidemiologie
Die Auswertung epidemiologischer
Studien aus Deutschland durch das GSF-Forschungszentrum über den Zusammenhang zwischen
Radon in Gebäuden und Lungenkrebs zeigt einen Anstieg des Lungenkrebsrisikos in Abhängigkeit von der
Höhe der Radonkonzentration. Bereits ab Konzentrationen von 140 Bq/m3 in der Raumluft wurde
eine statistisch signifikante Zunahme des Risikos nachgewiesen.
Dieser Zusammenhang lässt sich am besten mit dem Modell einer linearen Dosis-Wirkungsbeziehung ohne Schwellenwert
erklären. Danach können bereits kleinste Dosen zu einer Zellschädigung und damit zu einer Induzierung
von Krebs führen. Die Ergebnisse der Raumluftstudien sind auch mit Extrapolationen zahlreicher
Uranbergarbeiterstudien in den niedrigen Dosisbereich konsistent.
Auch die gemeinsame Auswertung von 13 europäischen Fall-Kontrollstudien zum Thema
Radon in Gebäuden
und Lungenkrebs bestätigt die grundlegenden Zusammenhänge. Demnach führt eine
Erhöhung der Radonkonzentration in der Raumluft um 100 Bq/m3 zu einem statistisch
signifikanten Anstieg des Lungenkrebsrisikos um ca. 10 % - werden Unsicherheiten bei der
Expositionsabschätzung berücksichtigt, erhöht es sich sogar um 16 %.
Die relative Risikozunahme um 10 % je 100 Bq/m3 bedeutet anders ausgedrückt:
Bei einer Radonkonzentration von 1.000 Bq/m3 verdoppelt sich das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken,
im Vergleich zu einer Konzentration von weniger als 25 Bq/m3 in Aufenthaltsräumen
(unterste Expositionskategorie der Studie, die als Vergleichswert dient). Die Studien haben eindeutig gezeigt,
dass die signifikante Risikoerhöhung auch bereits bei Radonkonzentrationen zwischen 100 und
200 Bq/m3 eintritt! Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden von der deutschen
Strahlenschutzkommission (SSK) in ihrer
Stellungnahme vom 21./22.4.2005
in dieser Form übernommen.
Dies bedeutet, dass Radon in Gebäuden in Europa ca. 9 % aller Lungenkrebstodesfälle
und damit ca. 2 % aller Krebstodesfälle verursacht. Oder in konkreten Zahlen ausgedrückt:
Radon in Gebäuden ist Ursache für
- ca. 20.000 Lungenkrebstodesfälle in Europa und davon
- ca. 1.900 Lungenkrebstodesfälle in Deutschland.
Bei derartigen Risikobetrachtungen spielen auch andere Lebensgewohnheiten eine Rolle - bei Lungenkrebs
natürlich das Rauchverhalten. So lieferte die o.g. Auswertung auch folgendes Ergebnis: Während der
Risikoanstieg mit zunehmender Radonkonzentration annähernd linear ist, liegt das Lungenkrebsrisiko absolut
gesehen für Raucher deutlich höher als für Nichtraucher. Besonders deutlich wird dieser Unterschied,
wenn man die Wahrscheinlichkeit betrachtet, bis zum 75. Lebensjahr tödlich an Lungenkrebs zu erkranken.
Lässt man andere Todesursachen außer acht, so ist das Risiko für Raucher ungefähr um
Faktor 25 höher als für lebenslange Nichtraucher (Daten aus:
Darby et al.: )
Radon in homes and risk of lung cancer ... .- Brit. Med. J., 2004).
Die generelle Gefährlichkeit von Lungenkrebs verdeutlichen auch die Resultate der neuesten Auswertungen der
Lungenkrebserkrankungen ehemaliger WISMUT-Bergleute. Das höchste Erkrankungsrisiko liegt demnach in einem
Zeitraum zwischen 15 bis 24 Jahren nach der Exposition - und somit später als bislang angenommen. Zudem ist
der Effekt einer Risikoabnahme mit zunehmendem zeitlichen Abstand zur Exposition weniger stark ausgeprägt.
Neben dem oben beschriebenen relativen Risiko, an Lungenkrebs durch erhöhte Radonkonzentrationen
in Wohnhäusern zu erkranken, kann man auch das attributive Risiko abschätzen
(s.a. Stellungnahme
der SSK vom 11./12.7.2006). Dieses beschreibt den prozentualen Anteil der Erkrankungsfälle in der
Bevölkerung, der einer bestimmten Radonexposition zuzuschreiben ist.
Demnach liegt das attributive Risiko in Deutschland bei ca. 5 % (s. nachfolgende Tabelle
aus Menzler et al. 2006). Bundesland-bezogen ist es in Thüringen, Sachsen, Rheinland-Pfalz und
Bayern am höchsten, in Bremen, Hamburg, Berlin und Niedersachsen am geringsten. Berücksichtigt
man aber die unterschiedlichen Bevölkerungszahlen der Bundesländer, ergibt sich ein anderes Bild:
Die weitaus größte Anzahl an radon-induzierten Lungenkrebstodesfällen tritt demnach in
Nordrhein-Westfalen auf, gefolgt von Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen.
Aus den Untersuchungen zum attributiven Risiko lässt sich weiterhin ableiten, dass bei einer
Reduzierung der Radonkonzentration in der Raumluft unter 100 Bq/m3 jährlich 302
Lungenkrebstodesfälle in Deutschland (= 16 % aller Fälle) vermieden werden könnten.
Eine Reduzierung unter 200 Bq/m3 ließe eine jährliche Abnahme um 143 Fälle
(8 %) erwarten.
| Bundesland | AR*) in % |
Mittlere jährl. Anzahl Lungenkrebs- todesfälle durch Radon |
| Schleswig-Holstein | × | × |
| Hamburg | 3,06 | 29 |
| Niedersachsen | 3,43 | 125 |
| Bremen | 2,30 | 10 |
| Nordrhein-Westfalen | 4,36 | 447 |
| Hessen | 5,02 | 127 |
| Rheinland-Pfalz | 6,43 | 127 |
| Baden-Württemberg | 4,82 | 169 |
| Bayern | 6,24 | 265 |
| Saarland | 4,90 | 33 |
| Berlin | 3,32 | 53 |
| Brandenburg | × | × |
| Mecklenburg-Vorpommern | × | × |
| Sachsen | 8,29 | 159 |
| Sachsen-Anhalt | × | × |
| Thüringen | 8,75 | 93 |
| Deutschland gesamt | 5,02 | 1896 |
| × keine Berechnung aufgrund zu geringer Information zur Radonbelastung *) Attributivrisiko berechnet als Summe der auf Radon zurückzuführenden Lungenkrebs- Todesfälle bei Männern und Frauen, bezogen auf die durchschnittliche jährliche Anzahl an Lungenkrebstodesfällen insgesamt |
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Anmerkung:
Sehr kontrovers diskutiert wird die Anwendung von Radonkuren (Radonbäder und Radoninhalationen) zu Therapiezwecken, besonders von chronisch-entzündlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates. Wissenschaftlich belegte (bio)positive gesundheitliche Aspekte (Hormesis) durch niedrige Dosen ionisierender Strahlung sind aber bislang nicht schlüssig nachgewiesen. Patienten berichten aber über die subjektiv empfundene Linderung ihrer Beschwerden und Schmerzen. Die Strahlenbelastung durch die Therapie muss stets individuell gegen den Nutzen einer solchen Behandlung abgewogen werden.
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